Culturescapes China: Memory

Reise durch die Geschichte der Kulturrevolution / Living Dance Studio

SO 21.11.
14:00 – ca 21:00 (Kommen und Gehen jederzeit möglich)

Das überdimensionale Netz auf der Bühne hat die im maoistischen China geborene Choreographin Wen Hui dem Moskitonetz ihrer Kindheitserinnerungen nachempfunden. Früher hing es über ihrem Bett, der Bühne ihrer ersten Auftritte vor der eigenen Familie. Gemeinsam mit ihrem Partner, dem Filmemacher Wu Wenguang, und ihrer gleichaltrigen Freundin Feng Dehua träumt sie sich in «Memory» zurück in die Zeit der Kulturrevolution. Alte Familienfotos und deren Geschichten vermischen sich auf dem zarten Stoff des Netzes mit Bildern aus Wu Wenguangs Dokumentarfilm «Meine Zeit bei der Roten Garde»: Fünf ehemalige Rotgardisten werden hier interviewt. Ausschnitte zeigen, wie endlose Prozessionen von Soldaten und Kindern an brennenden Bücherhaufen vorbeiziehen. Andere Projektionen zeigen pathetische Revolutionsopern, Propagandafilme und –fotos. Dazwischen erzählen die DarstellerInnen z.Bsp. von dem Glück, ein Fahrrad oder eine Nähmaschine zu besitzen. Sie bewegen sich dazu minimal und in Zeitlupe. In kurzen Sequenzen kopieren sie die filmischen Dokumente, als ob sie sich damit noch einmal in die Zeit der Kulturrevolution zurück versetzen könnten. Sie brauchen die ganze Kraft ihrer Körper, um sich dem gleichmachenden Prozess der Projektion zu widersetzen.

Das 1994 von Wen Hu und Wu Wenguang gegründete Living Dance Studio bietet Platz für eine kritische, nicht staatskonforme Kunstszene im Herzen Pekings. Dort durfte «Memory» nur vor geladenen Gästen gezeigt werden.

«So erfährt man in «Memory» das Vergehen der Zeit als Ansammlung von Geschichte, von Gesichtern, Tönen, Worten, aber auch als körperlichen Wach- und Ermüdungsprozess.» (Theater der Welt 2010, Frühkritik, Melanie Suchy)