Radio Muezzin

Stefan Kaegi (Rimini Protokoll)

DI 19.10.
20:00
MI 20.10.
20:00
In Arabisch mit dt. und engl. Übertitelung

Zum ersten Muezzin wurde ein freigelassener Sklave, weil er eine honigsüße Stimme hatte. Noch bis in die 1950er Jahre stiegen oft blinde Muezzine auf das Minarett, um den Gebetsruf, den Adhan, in alle vier Himmelsrichtungen über die Stadt zu rufen. Im heutigen Kairo sind die meisten Muezzine Staatsangestellte, die oft in der Moschee schlafen und nur selten ihre Familie, die im Dorf wohnt, besuchen. Neben dem Ausrufen sind sie nicht selten auch die Hausmeister des Gotteshauses, schließen auf und organisieren die Reinigung.

Über Kairo, der Stadt der tausend Moscheen (in Wahrheit sind es um die 30.000), vermischen sich die Rufe zu einem vielfältigen Klangteppich. Das soll sich jetzt ändern: Der Minister für religiöse Angelegenheiten will nächstes Jahr den zentralisierten Muezzin einführen. Über einen Radiosender soll jeweils ein Ausrufer über einen Radiokanal gesendet und aus allen staatlichen Moscheen gleichzeitig übertragen werden. Damit wird zwar nicht die Vielfalt der Gebetskulturen, aber doch die Kakophonie abgeschafft. Und Tausende von ägyptischen Muezzinen verstummen?

Im Zentrum von «Radio Muezzin» stehen vier ägyptische Muezzine: ein blinder Koranlehrer, der jeden Tag zwei Stunden mit dem Minibus zur Moschee fährt; ein oberägyptischer Bauernsohn und ehemaliger Panzerfahrer, der täglich den Teppich seiner Moschee saugt; ein Elektriker, der nach einem Gastarbeiterleben in Saudi Arabien und einem schweren Unfall begann, den Koran zu rezitieren, und ein Bodybuilder und Vizeweltmeister im Koranzitieren, dessen Korankassetten sich unter Taxifahrern großer Beliebtheit erfreuen. «Radio Muezzin» lässt sie einem Ingenieur begegnen, der am Assuan-Staudamm gelernt hat, Radiosignale zu verschlüsseln. In einer Moschee aus Teppichen und Ventilatoren werden sie zu Hauptdarstellern einer Rekonstruktion ihres Lebens, zu Ich-Vertretern einer religiösen Kultur, deren vielfältige Gesichter in Europa oft auf einfache Feindbilder reduziert werden. Zwischen ihren Worten und den Videobildern ihres Alltags entstehen neue Stimmbilder, die von der Transformation von Gebetsrufen im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit erzählen.

«Gerade im Beharren auf dem Alltäglichen gelingt Regisseur Stefan Kaegi in seinem Stück mit vier Muezzins aus Kairo, einen spielerischen und beiläufigen Blick auf den Islam zu werfen.» (taz)

Stefan Kaegi gehört gemeinsam mit Helgard Haug und Daniel Wetzel zum Label Rimini Protokoll. Sie arbeiten in unterschiedlichen Konstellationen zusammen und gelten als die «Protagonisten und Begründer eines neuen Reality Trends auf den Bühnen» (Theater der Zeit), der die junge Theaterszene der letzten Jahre geprägt hat. Die Arbeiten finden in der bunten Zone zwischen Realität und Fiktion statt und haben international Aufmerksamkeit erregt. Seit 2000 entwickeln sie auf der Bühne und im Stadtraum ihr Experten-Theater, das nicht Laien sondern Experten des Alltags ins Zentrum stellt.

Eine Produktion von HAU Berlin und Goethe-Institut Ägypten.                           
In Koproduktion mit Athens Festival, Bonlieu Scène nationale Annecy, Festival d’Avignon, steirischer herbst festival, Graz und Zürcher Theater Spektakel.
Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung und den Regierenden Bürgermeister von Berlin  - Senatskanzlei - Kulturelle Angelegenheiten. In Zusammenarbeit mit El Sawy Culturewheel, Kairo.